Kapitel 29 – Grenze der Vernunft – Das Münchhausen-Trilemma und der Abbruch der Begründung

Die Vernunft stellt einen Anspruch an sich selbst.

Sie will nicht nur urteilen.

Sie will ihre Urteile begründen.

Und sie will diese Begründung nicht irgendwo abbrechen, sondern bis zu einem Punkt zurückführen, der selbst keiner weiteren Begründung mehr bedarf.

Genau an diesem Anspruch zeigt sich eine Grenze, die nicht von außen kommt, sondern aus der Vernunft selbst hervorgeht.

Der Anspruch der Letztbegründung

Jede Aussage, die Geltung beansprucht, kann befragt werden: Warum ist das so?

Die Antwort liefert eine weitere Aussage.

Auch sie kann befragt werden: Warum ist das so?

Wer diesen Anspruch ernst nimmt, verlangt eine Kette von Begründungen, die nicht beliebig endet, sondern in einem letzten, selbst nicht mehr bedürftigen Grund zur Ruhe kommt.

Diese Forderung heißt Letztbegründung.

Sie ist kein Nebengedanke der Vernunft.

Sie ist ihr eigenes Ideal.

Die drei Auswege — und warum keiner trägt

Hans Albert hat 1968 gezeigt, dass dieser Anspruch strukturell in eine von drei Sackgassen führt. Man nennt sie das Münchhausen-Trilemma.

Erster Ausweg: der unendliche Regress

Begründung A wird durch B gestützt. B durch C. C durch D.

Die Kette setzt sich fort, ohne je anzukommen.

Ein Ende, das nie erreicht wird, kann keine Begründung liefern — es verschiebt die Frage nur immer weiter.

Zweiter Ausweg: der Zirkel

Irgendwann greift die Kette auf einen ihrer früheren Punkte zurück.

A wird durch B gestützt, B durch C, und C wieder durch A.

Die Begründung dreht sich im Kreis.

Was sich selbst voraussetzt, um sich selbst zu beweisen, beweist nichts.

Dritter Ausweg: der Abbruch

Man erklärt einen Punkt für evident, selbstverständlich, unmittelbar einsichtig — und begründet ihn nicht weiter.

Das ist kein Fehler im Verfahren.

Das ist der Verzicht auf das Verfahren selbst.

Der Abbruch löst das Problem nicht.

Er erklärt es für erledigt.

Der Name

Münchhausen zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Das Bild trifft die Sache genau: Ebenso wenig kann sich ein Begründungssystem allein aus sich selbst heben.

Es gibt keinen Punkt außerhalb der eigenen Voraussetzungen, von dem aus man diese Voraussetzungen unabhängig bestätigen könnte.

Die eigentliche Pointe

Das Trilemma zeigt nicht, dass Vernunft nutzlos wäre.

Es zeigt etwas Präziseres: Ihr höchstes eigenes Ideal — die vollständige, voraussetzungslose Selbstbegründung — ist mit den Mitteln der Vernunft selbst nicht einzulösen.

Jedes System, das eine letzte, unbezweifelbare Grundlage beansprucht, stößt auf dieselbe Wahl.

Descartes’ klare und deutliche Idee. Der reine Erfahrungssatz der Empiristen. Das Axiom eines logischen Systems.

Alle stehen vor demselben Trilemma.

Die Grenze liegt nicht in einem bestimmten Denksystem.

Sie liegt in der Struktur der Begründung selbst.

Alberts eigene Antwort

Albert selbst wählte den dritten Weg — mit einer entscheidenden Einschränkung.

Er akzeptierte den Abbruch, verlangte aber, dass der gewählte Ausgangspunkt der Kritisierbarkeit ausgesetzt bleibt.

Keine unantastbare letzte Wahrheit, sondern eine vorläufige, revidierbare Basis.

Das ist der Kern des kritischen Rationalismus: Nicht Letztbegründung, sondern Kritik als Ersatz für Letztbegründung.

Der Abbruch bleibt ein Abbruch.

Er wird nur nicht dogmatisch verwaltet.

Die Rückführung auf die biologische Erkenntnistheorie

Hier schließt sich der Kreis zu dem, was dieses Buch an anderer Stelle als Grenze der Erkenntnis beschreibt.

Wenn Letztbegründung mit rein logischen Mitteln unerreichbar ist, dann kann die Grenze der Erkenntnis nicht in der Logik selbst gesucht werden — die Logik liefert hier gerade den Beweis ihrer eigenen Grenze.

Irgendwo muss ein Ankerpunkt hinzukommen, der nicht mehr aus der Begründungskette selbst stammt.

Bei Albert ist dieser Ankerpunkt methodisch: die Kritisierbarkeit als Verfahrensregel.

In der hier vertretenen biologischen Erkenntnistheorie ist er ontologisch: die Homöostase, die Sensorik, der Akzeptor-Mechanismus des erkennenden Organismus.

Der Unterschied ist folgenreich.

Alberts Abbruch bleibt ein Verfahren, das ein denkendes Subjekt sich selbst auferlegt.

Der hier beschriebene Abbruch ist keine Wahl.

Er ist eine biologische Notwendigkeit: Ein Organismus, der auf eine abgeschlossene Letztbegründung warten müsste, bevor er handelt, wäre nicht überlebensfähig.

Die Homöostase erzwingt Handlung, bevor Begründung abgeschlossen sein kann.

Der Akzeptor-Mechanismus setzt Bewertungen, nicht weil sie logisch bewiesen wären, sondern weil ohne sie keine Selbsterhaltung möglich wäre.

Der Abbruch als Voraussetzung, nicht als Mangel

Das Trilemma erscheint zunächst wie ein Defekt der Vernunft.

Es ist keiner.

So wie an anderer Stelle dieses Buches gezeigt wird, dass die Grenze der Erkenntnis kein Mangel, sondern die Voraussetzung jeder Korrektur ist, gilt hier dasselbe für die Vernunft:

Der Abbruch der Begründungskette ist nicht ihr Scheitern.

Er ist die Bedingung dafür, dass aus Vernunft überhaupt Handlung werden kann.

Eine Vernunft, die sich vollständig letztbegründen müsste, bevor sie urteilt, würde nie urteilen.

Sie bliebe im Regress stecken — genau in der ersten der drei Sackgassen.

Schlusssatz

Die Vernunft kann sich nicht selbst aus dem eigenen Boden heben.

Jeder Versuch, ihre letzten Gründe rein logisch zu sichern, endet im Regress, im Zirkel oder im Abbruch.

Der Abbruch ist unausweichlich.

Die Frage ist nicht, ob er stattfindet, sondern wie er verwaltet wird — als Dogma, als methodische Kritisierbarkeit, oder, wie hier vertreten, als biologisch notwendige Setzung eines Organismus, der handeln muss, bevor jede Begründung abgeschlossen sein kann.

Genau darin liegt die Grenze der Vernunft.

Und genau darin liegt zugleich ihre Verbindung zur Grenze der Erkenntnis, die dieses Buch insgesamt beschreibt.

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