Kapitel 32 – Die Abklärung der Aufklärung

Ist Vernunft unter den Menschen wirklich gleich?

Die europäische Aufklärung begann mit einer großen Hoffnung.

Wenn der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedient, wird er vernünftig handeln.

Diese Hoffnung formulierte Immanuel Kant in seinem berühmten Satz:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.”

Darin steckt eine weitreichende Annahme.

Sie lautet:

Alle Menschen besitzen grundsätzlich dieselbe Fähigkeit zur Vernunft.

Diese Voraussetzung prägt bis heute Demokratie, Wissenschaft und Rechtsstaat.

Doch stimmt sie überhaupt?

Niklas Luhmanns Zweifel

Niklas Luhmann stellte diese Vorstellung infrage.

Nicht, weil er gegen die Aufklärung war.

Sondern weil er fragte, ob die Gesellschaft überhaupt so funktioniert, wie die Aufklärung annimmt.

Menschen handeln nicht einfach aufgrund besserer Argumente.

Sie leben in unterschiedlichen Kommunikationssystemen.

Wissenschaft.

Politik.

Wirtschaft.

Religion.

Recht.

Jedes dieser Systeme besitzt seine eigene Logik.

Informationen werden deshalb nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt übernommen, sondern danach, ob sie in das jeweilige System passen. Dadurch gerät die klassische Vorstellung der Aufklärung — mehr Wissen führe automatisch zu mehr Vernunft — unter Druck.

Die Neurowissenschaft geht noch weiter

Heute wissen wir, dass Denken nicht im luftleeren Raum entsteht.

Jedes Gehirn besitzt

eine andere Genetik, eine andere Epigenetik, eine andere Entwicklung, andere Kindheitserfahrungen, andere Emotionen, andere Traumata und andere Bildungswege.

Deshalb existiert keine vollkommen gleiche Ausgangslage.

Zwei Menschen erhalten dieselbe Information.

Sie gelangen dennoch zu völlig unterschiedlichen Überzeugungen.

Nicht weil einer böse wäre.

Sondern weil beide Informationen unterschiedlich verarbeiten.

Vernunft ist keine konstante Größe

Vielleicht liegt hier die größte Schwäche der klassischen Aufklärung.

Sie behandelte Vernunft häufig wie eine universell verfügbare Eigenschaft.

Als müsse man den Menschen lediglich ausreichend informieren.

Dann würden sie vernünftig handeln.

Doch genau das erleben wir heute nicht.

Noch nie standen so viele Informationen zur Verfügung.

Gleichzeitig nehmen Polarisierung, Verschwörungserzählungen und ideologische Abschottung zu. Der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel verweist deshalb auf die Grenzen einer rein informationsorientierten Aufklärung: Wissen allein führt nicht automatisch zu vernünftigen Entscheidungen, weil Emotionen, Interessen und soziale Dynamiken unser Denken wesentlich mitbestimmen.

Erkenntnis entsteht nicht allein durch Vernunft

Hier setzt meine Erkenntnistheorie an.

Der Mensch erkennt Wirklichkeit nicht ausschließlich durch Vernunft.

Zwischen Wirklichkeit und Denken liegen zahlreiche biologische Filter.

Emotionen.

Aufmerksamkeit.

Sprache.

Gedächtnis.

Mimetische Begierde.

Soziale Zugehörigkeit.

Epigenetisch geprägte Stressprogramme.

Der Gedanke entsteht nicht im freien Raum.

Er entsteht in einem biologischen Organ.

Im Gehirn.

Und dieses Gehirn ist niemals neutral.

Die eigentliche Gleichheit

Heißt das nun, dass Vernunft ungleich verteilt ist?

Ja und nein.

Alle gesunden Menschen besitzen grundsätzlich die Fähigkeit zum Denken.

Aber sie besitzen nicht dieselben Voraussetzungen, um diese Fähigkeit in gleichem Maß zu entfalten.

Die Unterschiede beginnen bereits vor der Geburt.

Sie setzen sich in Familie, Bildung, Sprache und sozialem Umfeld fort.

Deshalb ist Vernunft keine statische Eigenschaft.

Sie ist eine entwicklungsfähige Kompetenz.

Eine neue Aufklärung

Vielleicht braucht unsere Zeit deshalb eine zweite Aufklärung.

Nicht gegen Kant.

Sondern über Kant hinaus.

Die erste Aufklärung vertraute auf den Verstand.

Die zweite muss zusätzlich das Gehirn verstehen.

Sie muss wissen,

wie Emotionen Urteile beeinflussen, wie Sprache Wirklichkeit formt, wie Algorithmen Aufmerksamkeit steuern, wie soziale Medien mimetische Prozesse verstärken und wie epigenetische Erfahrungen Denken prägen.

Erst dann wird verständlich, warum dieselben Fakten bei unterschiedlichen Menschen so unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Die Abklärung der Aufklärung

Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe unserer Zeit nicht darin, die Aufklärung zu überwinden.

Sondern sie zu klären.

Sie biologisch zu ergänzen.

Die Aufklärung vertraute auf die Vernunft.

Die moderne Erkenntnisforschung zeigt die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen dieser Vernunft.

Nicht jeder Mensch beginnt am gleichen Ausgangspunkt.

Nicht jedes Gehirn verarbeitet Informationen gleich.

Nicht jede Gesellschaft belohnt kritisches Denken.

Gerade deshalb bleibt Kants Aufforderung aktuell.

Sie muss jedoch um einen entscheidenden Satz ergänzt werden:

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen — und habe zugleich die Bescheidenheit zu erkennen, dass auch dein Verstand biologischen, emotionalen und sozialen Grenzen unterliegt.

Erst diese doppelte Einsicht könnte die Grundlage einer Abklärung der Aufklärung bilden. Sie bewahrt den normativen Anspruch der Aufklärung — Selbstdenken statt blinder Autorität, verbindet ihn aber mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft, der Evolutionsbiologie und der Systemtheorie. Vernunft ist dann keine selbstverständlich gleiche Ressource aller Menschen, sondern eine Fähigkeit, die gepflegt, gebildet und immer wieder an der Wirklichkeit überprüft werden muss. Genau darin liegt die eigentliche Grenze — und zugleich die Stärke — menschlicher Erkenntnis.

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