Einleitung — TEIL I
Jeder Mensch lebt in derselben Wirklichkeit.
Dennoch erlebt jeder Mensch eine andere Welt.
Der Grund liegt nicht außerhalb des Menschen.
Er liegt im Gehirn.
Erkenntnis beginnt nicht mit Wahrheit.
Sie beginnt mit biologischer Verarbeitung.
Das Gehirn bildet die Wirklichkeit nicht ab.
Es reduziert sie.
Es ergänzt sie.
Es bewertet sie.
Es erzeugt ein inneres Modell der Welt.
Diese Fähigkeit ist Voraussetzung allen Überlebens.
Gleichzeitig ist sie die erste Grenze der Erkenntnis.
Der erste Teil dieses Buches beschreibt deshalb nicht Philosophie.
Er beschreibt die Biologie des Erkennens.
Wirklichkeit Wirklichkeitsersatz
Wenn wir von „Wirklichkeit“ sprechen, meinen wir gewöhnlich etwas Feststehendes: die Welt, wie sie tatsächlich ist, unabhängig davon, ob und wie wir sie wahrnehmen. Doch je genauer man hinsieht, desto brüchiger wird dieser Begriff. Was uns als Wirklichkeit erscheint, ist nicht die Welt selbst, sondern das Ergebnis eines Verarbeitungsprozesses, der uns nur einen winzigen Ausschnitt dessen zugänglich macht, was tatsächlich geschieht.
Der Kognitionswissenschaftler Bernard Baars hat dafür ein Bild geprägt, das so einfach wie folgenreich ist: das Bewusstsein als Theater. Auf einer Bühne, beleuchtet von einem engen Scheinwerferkegel, erscheinen einzelne Inhalte – Gedanken, Wahrnehmungen, Erinnerungen –, während der weitaus größere Teil des Geschehens im Dunkel hinter der Bühne verborgen bleibt: unbewusste Prozesse, die das, was wir schließlich als „bewusst erlebte Wirklichkeit“ wahrnehmen, erst zusammensetzen. Nur was den Sprung ins Scheinwerferlicht schafft, wird uns überhaupt zugänglich – und genau das nennen wir dann, ohne weiter nachzudenken, „die Wirklichkeit“.
Damit ist bereits der erste Schritt zu einem Wirklichkeitsersatz vollzogen. Wir erleben nicht die Welt, sondern eine Inszenierung der Welt – zusammengestellt aus einem Bruchteil der verfügbaren Information, gefiltert nach Kriterien, die uns selbst nicht bewusst sind. Diese Inszenierung fühlt sich vollständig an, gerade weil wir nicht sehen können, was fehlt. Das Bühnenbild wirkt wie die ganze Welt, weil wir keinen Zugang zu dem haben, was hinter den Kulissen liegt.
Diese Einsicht wäre schon für sich genommen beunruhigend genug. Doch sie greift tiefer, wenn man sie auf das anwendet, was wir für unser Selbst, unsere Persönlichkeit halten. Auch das Ich, das diese Bühne zu betrachten scheint, ist kein außenstehender, unveränderlicher Beobachter. Es ist selbst Teil der Inszenierung – eine Figur, die von demselben unbewussten Apparat erzeugt wird, der auch die übrigen Bühneninhalte liefert. Was wir als kohärente, stabile Persönlichkeit erleben, ist in diesem Sinn ebenfalls ein Ersatz: eine erzählerische Konstruktion, die Kontinuität suggeriert, wo in Wirklichkeit ein fortlaufender, fragmentierter und größtenteils unbewusster Prozess am Werk ist.
Man könnte einwenden, dass diese Ersatzkonstruktion von Wirklichkeit deshalb nicht weniger wert sei. Schließlich funktionieren wir mit ihr, treffen Entscheidungen, handeln, kommunizieren. Genau das ist jedoch der Punkt, an dem die Erkenntnisgrenze sichtbar wird: Wir haben keinen Zugang zu einer Wirklichkeit, um ihre Genauigkeit zu prüfen. Wir bewegen uns ausschließlich innerhalb der Inszenierung – und können von dort aus nicht feststellen, wie weit sie von dem entfernt ist, was tatsächlich der Fall ist.
Die Grenze der Erkenntnis verläuft damit nicht irgendwo außerhalb von uns, in fernen Galaxien oder unerreichbaren Teilchen – sie verläuft mitten durch das, was uns am nächsten scheint: durch die Wirklichkeit, die wir erleben, und durch das Ich, das zu erleben glaubt.
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