Biologische Erkenntnistheorie: Grundlegung

Die Fragen dieses Buches – was Wissen ist, was Wirklichkeit ist, was Bewusstsein ist – lassen sich auf zwei grundverschiedene Arten stellen. Man kann sie voraussetzungslos stellen, so, als gäbe es ein reines Erkennen, das unabhängig davon wäre, wer erkennt und mit welcher Ausstattung. Oder man kann sie an ihren Träger zurückbinden: Erkenntnis ist immer die Erkenntnis eines bestimmten, konkreten, lebendigen Organismus, ausgestattet mit einer bestimmten Sensorik, eingebettet in eine Homöostase, die erhalten werden muss, und geleitet von einem Akzeptor-Mechanismus, der evolutionär geformt wurde, nicht logisch konstruiert. Dieses Buch verfolgt den zweiten Weg. Es fragt nicht, was reines Denken erkennen könnte, sondern was ein Organismus mit dieser bestimmten biologischen Ausstattung tatsächlich erkennen kann – und wo diese Ausstattung selbst die Grenze zieht.

Das ist der Kern dessen, was hier biologische Erkenntnistheorie genannt wird: Erkenntnis ist keine abstrakte Beziehung zwischen einem Subjekt und der Welt, sondern eine Leistung, die aus der Lebensgegebenheit eines Organismus hervorgeht und durch sie begrenzt wird. Wahrnehmung ist keine neutrale Abbildung, sondern das Ergebnis einer Sensorik, die sich unter dem Druck der Selbsterhaltung ausgebildet hat und nur das aufnimmt, verarbeitet und bewertet, was für diese Selbsterhaltung jemals relevant war. Bewertung ist keine nachträgliche Zutat zur Erkenntnis, sondern ihr Motor: Ein Organismus erkennt etwas als etwas nur, weil und insofern er es für sich selbst als förderlich oder schädlich einordnen muss. Und die Grenze der Erkenntnis, die dem Buch seinen Titel gibt, ist deshalb keine Grenze der Logik oder der verfügbaren Information, sondern eine Grenze der biologischen Ausstattung, mit der erkannt wird.

Aus dieser Grundlegung folgt eine methodische Festlegung: Fragen nach Bewusstsein, Seele oder Erkenntnis werden nicht an begrifflichen Traditionen entschieden, sondern an der biologischen Sache selbst – an Homöostase, Sensorik, Selbsterhaltung unter Risiko, eigener Wertgebung. Ein System, dem diese Ausstattung fehlt, fehlt nicht eine bestimmte Denkschule zufolge etwas – ihm fehlt etwas tatsächlich, unabhängig davon, welche Schule man befragt. Das ist der Grund, warum sich die Kapitel zum Akzeptor-Mechanismus, zur fehlenden Sensorik der KI und zur Gleichsetzung von Seele und Lebensgegebenheit nicht auf einzelne Denker berufen, sondern auf das, was Organismen – belegt, beobachtbar, biologisch – tatsächlich auszeichnet.

Für den Fall der künstlichen Intelligenz ergibt sich daraus keine neue Schlussfolgerung, sondern die methodische Bestätigung der bisherigen: Eine KI wird nach diesem Maßstab nicht deshalb als nicht-erkennend, nicht-bewusst oder nicht-beseelt beurteilt, weil ihr eine bestimmte philosophische Eigenschaft fehlte, sondern weil ihr die biologische Ausstattung fehlt, an die dieses Buch Erkenntnis, Bewusstsein und Seele durchgehend zurückbindet: Homöostase, Sensorik, Selbsterhaltung unter Risiko, eigene Wertgebung. Wo diese Ausstattung fehlt, kann nach biologischer Erkenntnistheorie weder erkannt noch empfunden noch gewertet werden – wie leistungsfähig die Verarbeitung von Mustern auf der Oberfläche auch erscheinen mag.

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