Metamoderne ist ein Begriff, der seit etwa 2010 versucht, das kulturelle und philosophische Klima nach der Postmoderne zu fassen – und der bewusst vage bleibt, weil er eher eine Stimmungslage als eine geschlossene Theorie beschreibt. Geprägt wurde er maßgeblich von den niederländischen Kulturtheoretikern Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker in ihrem 2010 erschienenen Essay “Notes on Metamodernism”. Ihre Kernthese: Nach Jahrzehnten postmoderner Ironie, Dekonstruktion und Misstrauen gegenüber großen Erzählungen lässt sich seit der Jahrtausendwende eine Gegenbewegung beobachten, die aber nicht einfach zur naiven Modernität zurückkehrt, sondern zwischen beiden Haltungen oszilliert.
Das “Meta” in Metamoderne ist dabei bewusst nicht im Sinn von “danach” gemeint, wie es bei “Postmoderne” mitschwingt, sondern im ursprünglichen griechischen Sinn von “metaxy” – dazwischen, wie es schon bei Platon für den Zustand zwischen Wissen und Unwissen verwendet wurde. Metamoderne positioniert sich also nicht als nächste Stufe nach der Postmoderne, sondern als ein Pendeln zwischen den Polen: zwischen modernem Enthusiasmus und postmodernem Zweifel, zwischen Aufrichtigkeit und Ironie, zwischen dem Glauben an Sinn und dem Wissen um dessen Konstruiertheit. Vermeulen und van den Akker sprechen von einer “informierten Naivität” oder einem “pragmatischen Idealismus” – man weiß um die postmoderne Kritik an großen Erzählungen, Wahrheit und Fortschritt, entscheidet sich aber trotzdem dafür, so zu handeln, als hätten Engagement, Hoffnung und Bedeutung Gewicht, im Bewusstsein, dass man sich damit auf unsicherem Boden bewegt.
Zur Verortung hilft der Dreischritt: Die Moderne (grob vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1960er) glaubte an Fortschritt, an große Erzählungen, an die Möglichkeit universeller Wahrheit und stilistischer Reinheit. Die Postmoderne (etwa 1960er bis 1990er/2000er, theoretisch stark geprägt von Lyotard, Derrida, Baudrillard) reagierte darauf mit Misstrauen gegenüber genau diesen großen Erzählungen, mit Ironie, Fragmentierung, der Betonung, dass Bedeutung immer konstruiert und Wahrheit immer perspektivisch ist – eine Haltung, die stark mit dem hier zuvor diskutierten Begriff der Simulation und Hyperrealität bei Baudrillard verwandt ist. Die Metamoderne nimmt diese postmoderne Einsicht ernst, verweigert sich aber dem Verharren in reiner Ironie und Beliebigkeit, weil das, so die Diagnose, kulturell und politisch in eine Sackgasse geführt hat – man denke an die sogenannte “New Sincerity”, die David Foster Wallace bereits in den 1990ern gegen die von ihm selbst diagnostizierte Ironie-Erschöpfung der Postmoderne forderte, oder an ästhetische Strömungen im Film (etwa bei Michel Gondry oder frühem Wes Anderson) und in der bildenden Kunst, die emotionale Aufrichtigkeit und stilistisches Spiel bewusst nebeneinander stellen, ohne das eine durch das andere aufzuheben.
Wichtig für die Verortung ist auch, dass Metamoderne kein Alleinvertretungsanspruch zukommt. Sie konkurriert mit einer ganzen Reihe verwandter, teils überlappender Begriffe, die alle versuchen, dasselbe Phänomen des “Danach der Postmoderne” zu benennen: Digimodernismus (Alan Kirby, mit Fokus auf digitale, partizipative Kultur), Performatismus (Raoul Eshelman), Altermoderne (Nicolas Bourriaud, aus der Kunstkritik) oder schlicht Post-Postmodernismus. Keiner dieser Begriffe hat sich als eindeutig dominant durchgesetzt, was selbst wieder typisch metamodern ist: Man einigt sich nicht auf eine große, allgemeingültige Erzählung darüber, was nach der großen Erzählung kommt, sondern lässt mehrere konkurrierende Deutungsversuche nebeneinander bestehen.
Die gängigste Kritik an dem Konzept lautet entsprechend, es sei eher eine Stimmung oder ein diagnostisches Etikett als eine stringente Theorie – schwer falsifizierbar, weil fast jede kulturelle Erscheinung sich als “Oszillation zwischen Polen” beschreiben lässt, wenn man nur will. Das schmälert seinen diagnostischen Wert nicht zwangsläufig, macht aber deutlich, dass Metamoderne eher ein Vokabular zum Beschreiben eines Zeitgeists anbietet als eine geschlossene Position, die man vertreten oder widerlegen könnte.