Kapitel 8 — Der Mensch fühlt die Welt, bevor er sie benennt. Die erste und die letzte Wirklichkeit des Menschen. Was bleibt ist die Würde eines Menschen.

Die vorsprachliche emotionale Beziehung zur Wirklichkeit bildet das Fundament, auf dem Sprache und Denken aufbauen. Der Verlauf schwerer Demenzen macht dieses Fundament sichtbar, weil mit dem Verlust von Sprache und zeitlich-räumlicher Orientierung die emotionale Beziehung zur Welt häufig länger erhalten bleibt. Dabei ist wichtig, nicht zu verallgemeinern: Auch emotionale Fähigkeiten können im Krankheitsverlauf beeinträchtigt werden, sie bleiben jedoch bei vielen Betroffenen länger erhalten als komplexe sprachliche und begriffliche Funktionen.

Jeder Mensch beginnt sein Leben in einer Welt ohne Worte.

Der Säugling kennt weder den Begriff „Mutter” noch „Zeit”, weder „Raum” noch „Gefahr”. Dennoch erlebt er Wärme, Hunger, Schmerz, Geborgenheit und Angst. Seine Wirklichkeit besteht zunächst nicht aus Begriffen, sondern aus unmittelbaren Erfahrungen. Das Gehirn reagiert auf die Welt lange bevor es sie sprachlich ordnen kann.

Die erste Wirklichkeit des Menschen ist daher eine gefühlte Wirklichkeit.

Bereits in den ersten Lebensmonaten bildet das Gehirn aus wiederkehrenden Erfahrungen stabile neuronale Muster. Vertraute Stimmen beruhigen, bekannte Gesichter vermitteln Sicherheit, wiederkehrende Abläufe schaffen Orientierung. Diese inneren Modelle entstehen vor jeder Sprache. Sie sind vorsprachliche Wirklichkeitsmodelle.

Mit dem Spracherwerb beginnt eine neue Entwicklungsstufe. Erfahrungen erhalten Namen. Aus einzelnen Wahrnehmungen entstehen Begriffe. Das Kind lernt nicht nur seine Mutter kennen, sondern den Begriff „Mama”. Es erlebt nicht nur Furcht, sondern lernt das Wort „Angst”. Sprache ordnet die Vielfalt der Erfahrungen und macht sie erinnerbar, vergleichbar und mit anderen Menschen teilbar.

Die Sprache erschafft die Wirklichkeit nicht. Sie erschafft eine Ordnung der Wirklichkeit.

Aus der unmittelbaren Erfahrung entsteht eine begrifflich strukturierte Welt. Erst dadurch werden abstraktes Denken, Wissenschaft und Kultur möglich. Sprache erweitert den Wirklichkeitsraum des Menschen in einem bisher unerreichten Ausmaß.

Doch dieser Aufbau ist nicht unumkehrbar.

Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz zeigt sich, dass die sprachliche und begriffliche Ordnung der Welt schrittweise zerfallen kann. Zunächst gehen Wörter verloren. Danach verblassen Begriffe, autobiografische Erinnerungen und die Fähigkeit, Ereignisse zeitlich einzuordnen. Schließlich lösen sich auch die vertrauten Koordinaten von Zeit und Raum auf. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander. Orte verlieren ihre Bedeutung. Menschen werden nicht mehr erkannt.

Dennoch bleibt häufig etwas bestehen.

Eine vertraute Berührung kann beruhigen. Musik kann Erinnerungen wecken. Eine freundliche Stimme kann Sicherheit vermitteln. Angst, Freude, Nähe oder Geborgenheit werden oft noch erlebt, wenn Sprache längst versagt.

Die emotionale Wirklichkeit überdauert häufig die sprachliche Wirklichkeit.

Das bedeutet nicht, dass der Mensch in die Kindheit zurückkehrt. Der Säugling entwickelt Sprache erst noch, während der demenzkranke Mensch sie verliert. Die Richtung ist entgegengesetzt. Dennoch wird in beiden Lebensphasen sichtbar, dass die tiefsten Schichten unseres Wirklichkeitsbezugs nicht sprachlich organisiert sind.

Es entsteht ein bemerkenswerter Bogen des menschlichen Lebens.

Am Anfang steht die gefühlte Welt.

Darauf bauen Begriffe, Sprache und Denken auf.

Am Ende können Sprache und Begriffe wieder zerfallen, während Gefühle und Beziehungen oft länger erhalten bleiben.

Die Entwicklung des Menschen verläuft deshalb nicht nur vom Fühlen zum Denken. Sie zeigt zugleich, dass Denken auf einem Fundament ruht, das älter und tiefer ist als jede Sprache.

Vielleicht liegt gerade darin eine Grenze der Erkenntnis.

Wir neigen dazu, Erkenntnis mit Begriffen, Definitionen und logischen Urteilen gleichzusetzen. Doch das menschliche Gehirn begegnet der Wirklichkeit zunächst durch Wahrnehmung, Körper und Emotion. Sprache macht diese Begegnung bewusst und mitteilbar — sie ersetzt sie jedoch nicht.

Die erste Wirklichkeit des Menschen ist eine gefühlte Wirklichkeit.

Und wenn Sprache, Begriffe sowie die Orientierung in Zeit und Raum verblassen, bleibt oft genau diese Wirklichkeit am längsten bestehen.

Die Würde eines Menschen hängt deshalb nicht von seiner sprachlichen Leistungsfähigkeit oder seinem abstrakten Denken ab. Solange ein Mensch Nähe erfahren, Trost empfinden oder Angst erleben kann, besteht ein unmittelbarer Bezug zur Wirklichkeit fort. Gerade deshalb verdienen Menschen mit schwerer Demenz nicht weniger, sondern besondere Achtsamkeit und Zuwendung.

Der Mensch fühlt die Welt, bevor er sie benennt.

Und manchmal fühlt er sie noch, wenn die Worte längst verstummt sind.

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